Der miese Stil der FAZ

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Prolog

Am 23. November dieses Jahres war ich vom WDR in die Sendung „Hart aber fair“ eingeladen worden. Das Thema war „Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?“ (Sie können sich die Sendung hier anschauen).

Meine kleine „Presseschau“ in den Tagen danach war beinahe so, wie ich es erwartet hatte. Die Artikel waren pro oder kontra und relativ selten nur sachlich, also mit einer reinen Beschreibung dessen, was war.

Auch kurioses war dabei, denn sowohl katholisch.de als auch domradio.de haben es geschafft alle Diskutanten und den Moderator der Sendung zu besprechen – außer mich. Noch nicht mal am Rande wurde ich erwähnt, gerade so, als wäre ich gar nicht dabei gewesen. Klar kann man das als Journalist so machen. Professionell, fair und ausgewogen ist es nicht.

Noch viel weniger fair als eine totale Ignoranz, eigentlich sogar fies und hundsgemein, war das was sich der FAZ-Autor Frank Lübberding in seiner TV-Kritik „Sterben als gesellschaftlicher Bedarf“ erlaubte. Nicht nur, dass der Autor völlig falsche Annahmen macht, umstrittene (und aus gutem Grund nicht gebrauchte) Begriffe verwendet um, so meine Mutmaßung, beim Leser ein stabiles Framing zu schaffen, er lässt auch noch beim Zitieren wichtige Passagen einfach weg.

So etwas ärgert mich ungemein und ich kann es nicht unwidersprochen stehen lassen, zumal mein Name mit diesen Falschaussagen verbunden ist. Also habe ich eine Replik auf diesen Artikel geschrieben und an die FAZ geschickt. Was ich als Antwort bekam, war ein Autorespons.

Die FAZ bekommt sicher viele Mails und vielleicht war der Volontär, der den Posteingang nach Sinn und Unsinn sortiert, nicht ganz ausgeschlafen und hat meine Mail gelöscht. Das kann passieren. Deshalb habe ich noch einmal geschrieben und um Antwort gebeten. Aber auch hier nur der Autorespons. Ein drittes Mal schreibe ich nicht.

Mein Ärger wird nicht deshalb weniger, weil mich der Adressat meines Ärgers ignoriert. Den, wie ich finde, miesen Stil der FAZ einfach zu ertragen, ihn in mich reinfressen oder unbearbeitet ausklingen lassen, ist für mich keine Option. Erstens weil das ungesund ist und zweitens, weil es mir um die altehrwürdige FAZ leidtut. Denn es ist für mich vollkommen unverständlich, wie ein seriöses Medium in Zeiten, in denen frustrierte Menschen auf der Straße „Lügenpresse“ grölen, so manipulativ, und am Ende auch noch feige, arbeiten kann.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es mir nicht darum geht Herr Lübberding oder die FAZ zu diskreditieren oder von meiner Sicht auf die Dinge zu überzeugen. Worauf ich aber bestehe, ist, dass meine Aussagen nicht falsch dargestellt werden und dass die Diskussion fair und auf Augenhöhe stattfindet.

Ich belasse meine Replik in der direkten Anrede an Herr Lübberding, weil sie hauptsächlich an ihn gerichtet ist. Allerdings werde ich die entsprechenden Passagen des Autors, auf die ich mich beziehe, zitieren, damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, den Zusammenhang erkennen und verstehen können. Bitte lesen Sie den ganzen Artikel „Sterben als gesellschaftlicher Bedarf“.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen allen (auch der FAZ und Herr Lübberding) ein schönes Weihnachtsfest, ein gutes und hoffentlich besseres neues Jahr und vor allem wünsche ich Ihnen viel Gesundheit!

Mit herzlichen Grüßen,

Olaf Sander

Eine Gegenrede zu „Sterben als gesellschaftlicher Bedarf“ in der FAZ vom 24.11.2020

Sehr geehrter Herr Lübberding, sehr geehrte FAZ-Redaktion,

vielen Dank, dass Sie sich mit der Problematik des selbstbestimmten Sterbens beschäftigen. Denn es ist sehr wichtig, mit so vielen Diskutanten wie möglich über dieses so sehr umstrittene, weil existentielle Thema zu sprechen. Das alleine ist aber nicht der Grund weshalb ich Ihnen schreibe, sondern weil ich denke, dass Sie einige Annahmen haben und Schlüsse ziehen, die in dieser Bestimmtheit nicht passend sind und auch völlig anders interpretiert werden können.

Lassen Sie mich, so wie Sie es auch gemacht haben, mit dem Ende beginnen, nämlich mit der Schlussrunde. Die Frage war, ob man Gärtner das tödliche Mittel für seinen Suizid zur Verfügung stellen sollte oder nicht. In meiner Antwort sage ich, dass ich die Motivation Gärtners, der den Tod seiner Ehefrau nicht verkraftet hat, verstehen kann und weshalb das so ist. Leider haben Sie in Ihrem Artikel lediglich gesagt, dass ich das verstehen kann. Das Weshalb haben Sie vergessen zu erwähnen.

„Der Altenpfleger Olaf Sander konnte die Motivation Gärtners verstehen, der den Tod seiner Ehefrau nicht verkraftet hatte.“

Meine Antwort auf Frank Plasbergs Schlussrundenfrage war: „Ich kann dich verstehen, weil ich nämlich genau so eine Frau habe, die einen großen Teil meines Glückes ausmacht.“

Erst mit dem vollständigen Satz wird mein Verständnis für Gärtner aufgrund der Gemeinsamkeit, nämlich eine besonders tiefe und somit existentiell wichtige Beziehung zu einem anderen Menschen zu haben, verständlich und nachvollziehbar. Und das ist wichtig, damit sich Leser, die „Hart aber fair“ nicht gesehen haben, trotzdem eine tragfähige Meinung bilden können.

„Was niemand formulierte, war ein utilitaristisches Argument. Schließlich erspart der Tod eines ansonsten gesunden Mannes von 78 Jahren der Gesellschaft nicht nur den weiteren Lebensunterhalt auf Grundlage seiner Altersversorgungsansprüche. Zudem fallen in der Kranken- und Pflegeversicherung die meisten Kosten in der letzten Lebensphase an.“

Ein utilitaristisches Argument hat deshalb niemand formuliert, weil es erstens nicht das Thema der Sendung war und es zweitens einen zwar unausgesprochenen, aber fühlbaren Konsens zwischen allen DiskutantInnen und dem Moderator gab, dass genau das weder gewollt ist, noch passieren darf. Es war Bettina Schöne-Seifert, die fast am Ende der Sendung noch einmal explizit auf den Nutzungsdruck und die notwendige Aufmerksamkeit darauf hinweist und es war Susanne Johna, die einerseits ein berechtigtes Argument dazustellt und andererseits selbst gar nicht davon ausgeht, dass beispielsweise Krankenkassen derartig handeln könnten (ab 1:04:20 im Video auf der „Hart aber fair“ Sendungshomepage).

Als nächstes graben Sie den unsäglichen Begriff vom „sozialverträglichen Frühableben“ aus der Versenkung aus, nur um im nächsten Satz zu sagen, dass der Urheber das gar nicht so zynisch meinte, wie es anschließend interpretiert wurde.

„Als „sozialverträgliches Frühableben“ wurde diese Logik im Jahr 1998 zum Unwort des Jahres. Wobei der Urheber Karsten Vilmar, damals Präsident der Bundesärztekammer, das nicht so zynisch meinte, wie es anschließend interpretiert worden war.“

Warum dann der Begriff? Wollten Sie dem Denken Ihrer Leser eine bestimmte Richtung geben? Hoffentlich nicht, denn das wäre unlauter.

Weil Sie direkt danach auf die Figur Gärtner kommen und ihn gerne in eine neue fiktive Situation bringen möchten, die ihn eventuell umdenken und -fühlen lassen könnte, nehme ich Letzteres an und mutmaße, wie die Bühnenfigur von Ferdinand von Schirach wohl auf eine solche Bemerkung hätte reagieren können.

„Aber wie hätte diese Bühnenfigur des Autors Ferdinand von Schirach auf eine solche Bemerkung reagiert? Wenn sich niemand mehr für seine Motivation zum Freitod interessierte, aber er das tödliche Natrium-Pentobarbital nicht zuletzt wegen des unterstellten gesellschaftlichen Nutzens problemlos bekommen hätte? Die Anmerkung hätten Gärtner und die Zuschauern sicherlich im Wortsinn als obszön empfunden. Es hätte das Moralempfinden der Menschen verletzt, den Freitod in dieser Weise als selbstverständlich zu akzeptieren.“

Die veränderte Motivlage derjenigen, die Gärtner das von ihm geforderte Natrium-Pentobarbital verschaffen bzw. ihm dazu verhelfen sollen, würde wohl nicht ausreichend sein ihn umzustimmen. Vermutlich wäre es Gärtner sowohl recht als auch billig, denn es brächte ihn zu genau dem Ziel, welches er so vehement anstrebt. Für einen Menschen der unbedingt sterben will, ergibt es schlichtweg keinen Sinn nur deshalb am Leben zu bleiben, weil die Gesellschaft seines Todes wegen sparen würde. So ein Mensch hat ganz andere Gedanken im Kopf, als die Kosten des Gesundheitssystems.

Nur schwer nachvollziehbar an Ihrem Gedankenspiel ist für mich Ihre Unterstellung, dass sich die Gesellschaft tatsächlich so menschenverachtend utilitaristisch entwickeln könnte. Das glaube ich nicht.

Erstens, weil es dieses Ringen um die Sterbehilfe gibt. Die Diskussionen sind meinem subjektiven Gefühl nach sachlicher geworden, seit das BVerfG den § 217 aus dem StGB gefegt hat. Die Emotionen haben sich verbraucht und in diesem Fall ist das auch gut so.

Zweitens habe ich ganz andere Erfahrungen. Alle Menschen mit denen ich über das selbstbestimmte Sterben gesprochen habe, wollen eine klare Regelung, die niemanden in seinem Wunsch nach eigenem Gusto zu sterben vergisst oder ignoriert. Nicht ein einziges Mal haben meine GesprächspartnerInnen eine utilitaristische Erwartung geäußert oder dahingehende Forderung gestellt. Ich höre dieses, wie ich finde Worst-Case-Szenario, ausschließlich nur auf Seiten von SterbehilfegegnerInnen und ich habe dabei jedes Mal Mühe es nachzuvollziehen. Nicht nur, dass es Gremien, Aufsichtsbehörden, Institutionen, Vereine und nicht zuletzt auch Einzelpersonen wie z.B. JournalistInnen gibt, die bei einer derartigen Entwicklung ganz bestimmt schon frühzeitig intervenieren würden. Diese AkteurInnen haben ja immer noch ihre persönlichen und kollektiven Werte und moralischen Empfindungen, die nicht mal eben von heute auf morgen verschwinden. Vor allem aber denkt dieses Szenario den wichtigsten Faktor überhaupt gar nicht erst mit: die menschlichen Beziehungen.

Stellen Sie sich einfach selbst die Frage, wie Sie oder Ihre Familie und Freunde reagieren würden, wenn irgendjemand käme und Ihnen oder einem Ihrer geliebten Familienmitglieder aus Gründen des gesellschaftlichen Nutzens das Sterben nahelegte …

Unterschätzen Sie bitte nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die sind zwar nicht immer gut, aber eben auch nicht immer schlecht und nicht alle Menschen denken und fühlen wie ein Homo oeconomicus. Wahrscheinlich, aber das ist nur eine Vermutung von mir, sind Letztere sogar die Allerwenigsten.
Menschen sind vor allem erstmal fühlende und soziale Wesen. Sie brauchen die Anderen um zu wachsen und eigene Wege zu finden. Sie wollen lieben und geliebt werden. Dass sich alle diese liebenden und geliebt werdenden Menschen dem Diktat des Nutzens für alle unterwerfen könnten, ist für mich nicht denkbar.

Sie selbst stellen fest, dass solch eine Wendung im Kammerspiel das Moralempfinden der ZuschauerInnen verletzen und diese das Ganze als obszön empfinden würden. Hier gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Weil aber dieser Konsens in der Causa Sterbehilfe, keinesfalls eine utilitaristische Gesellschaft zu werden, ganz deutlich schon längst bei den meisten AkteurInnen und FernsehzuschauerInnen vorhanden ist, ist es für mich nur um so unverständlicher, warum Sie in Ihrem Artikel diesen schlechten Geist aus der Flasche lassen.
Vor so einer Entwicklung zu warnen, begrüße und unterstütze ich im Kern sehr. Dann aber bitte so, wie es Bettina Schöne-Seifert macht, die auf die Problematik hinweist, ohne dabei gleich den Teufel an die Wand zu malen.

Dass sich niemand mit der Situation der Angehörigen beschäftigen musste, weil dies nicht zur Dramaturgie des Filmes passte, der sich mit dem „Tod als Akt der Selbstbestimmung“ beschäftigte ist nicht nur ungerecht, sondern auch ungenau formuliert.

„Ob Gärtner am Ende den Giftcocktail einnehmen würde, blieb im Film ungeklärt. Niemand musste sich mit der Situation beschäftigen, wie trauernde Kinder, Enkel und Freunde von ihm zurückgelassen werden. Es passte nicht zur Dramaturgie eines Films, die den Tod als Akt der Selbstbestimmung vermitteln wollte.“

Ungerecht ist dieser Satz, weil die Problematik zwischen Sterbewilligen und ihren Angehörigen viel zu komplex ist, um sie mal eben in ein paar Minuten in einem Kammerspiel abzuarbeiten, das sich mit einer ganz anderen Fragestellung beschäftigt. Nur dieser Punkt um die Angehörigen alleine verdiente ein eigenes Kammerspiel. Vielleicht haben wir ja Glück und Ferdinand von Schirach nimmt sich des Themas an, was immer und grundsätzlich hinten runterfällt, wenn sich Dritte über die Sterbehilfe unterhalten. Es ist nämlich mitnichten so, dass sich alle Angehörigen gegen die Sterbehilfe bei ihren Verwandten stellen oder fundamentale persönliche Probleme damit hätten. Ich kenne mehrere Menschen, die einen Angehörigen, u.a. beim Sterbefasten, begleitet und unterstützt haben. Die tragen ihre Erfahrung nur nicht so breit in die Öffentlichkeit, wie ich das tue.

Ungenau ist dieser Satz, weil der Tod das Ergebnis eines selbstbestimmten Aktes ist und nicht der Akt selbst. Der eigentliche Akt ist es, das tödlich wirkende Mittel selbständig und bewusst einzunehmen und genau zu wissen warum man das macht. Denn das ist dann kein „klassischer Selbstmord“. Es ist ein selbstbestimmter Suizid. Es ist wichtig das Eine vom Anderen zu unterscheiden und nicht immer und immer wieder alle Suizidenten über einen Kamm zu scheren.

„Einem klassischen Selbstmord wird diese Wertschätzung bis heute selten entgegengebracht, gilt er doch als Akt der Verzweiflung. Dabei kam bei Plasbergs Gast Olaf Sander die damit verbundene Ambivalenz zum Ausdruck. Seine Mutter hatte sich bewusst für ihren Freitod entschieden, der Sohn und ein Fernsehteam begleiteten sie bei diesem Schritt aus dem Leben. Aber Sander fürchtete die rechtlichen Konsequenzen seiner Mitwirkung, so dass er die sterbende Mutter in ihren letzten Minuten allein lassen musste. Sander schilderte anschaulich das Gefühl der Überforderung, als er sich mit dieser Entscheidung der Mutter auseinandersetzen musste.“

Dann reden Sie über meine Ambivalenz, die mit dem Freitod meiner Mutter verbunden ist – und liegen mit Ihrer Interpretation so falsch, wie Sie nur falsch liegen können. Das Gefühl der Überforderung kam nicht, weil ich mich mit der Entscheidung meiner Mutter, sich das Leben zu nehmen, auseinandersetzen musste. Das war schon längst passiert. Die Überforderung kam, weil es juristisch überhaupt nicht klar war, ob ich als Angehöriger eine Garantenpflicht habe, also die Pflicht trotz des Suizids spätestens bei Eintritt der Bewusstlosigkeit lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Es war unklar, ob das nur für Mediziner gilt oder auch für Angehörige. Deshalb musste ich gehen, deshalb starb meine Mutter allein. Auch das habe ich bei „Hart aber fair“ erzählt, auch das wurde im Kammerspiel „Gott von Ferdinand von Schirach“ behandelt.

Wo ich Ihnen wieder recht gebe, ist, dass diese Form der Selbstbestimmung, wie sie meine Mutter beim Sterben gelebt hat, die Ausnahme ist. Aber warum ist das so? Weil sich meine Mutter ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht hat beschneiden lassen, nur weil die Legislative ein realitätsfremdes Gesetz gemacht hat oder andere Gruppen den Suizid als moralisch verwerflich brandmarkten. Sie hat „ihr Ding“ gemacht und niemanden dabei geschadet. Für mich ist das Selbstbestimmung in ihrer besten und höchsten Form und ich hoffe sehr, dass es Betroffene gibt, die daraus die Kraft und den Mut schöpfen können, es auf ihre Art meiner Mutter nachzumachen – auch weil man damit den real existierenden Bedingungen durch die Externalisierung beim Sterben im Krankenhaus oder Hospiz entgehen kann, sofern man rechtzeitig Vorsorge betreibt, bzw. endlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sich ein Sterbewilliger ohne Rechtfertigungsdruck Rat und Hilfe holen kann.

Fast am Schuss meiner Gegenrede angekommen, möchte ich noch eine Anmerkung zu Ihrer persönlichen Anmerkung machen.

„Hier sei eine persönliche Anmerkung gestattet: Meine Ehefrau meinte wenige Tage vor ihrem Tod zu Hause: „Du weißt nicht, wie das ist.“ Sie meinte das Sterben. Wenn sie die Möglichkeit zum assistierten Suizid gehabt hätte, wie hätte sie sich entschieden? Vielleicht hätte sie unserer Familie die Zumutung des Sterbens ersparen wollen. Aber wäre das wirklich jenes selbstbestimmte Sterben gewesen, von dem so oft die Rede war? Eher wohl die Rücksichtnahme auf die Ängste und Tabus von uns Überlebenden, die das Sterben und den Tod nur noch als lästige Begleiterscheinung eines möglichst sorglosen Lebens verstehen.“

„Du weißt nicht, wie das ist.“, ist der Satz den Ihre Frau im Sterbebett gesagt hat und von dem Sie, meiner Meinung nach vollkommen richtig annehmen, dass sie damit das Sterben meinte. Dann stellen Sie sich die Frage, ob sich Ihre Frau zu einem assistierten Suizid entschlossen hätte, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Hier kommen Sie zu einem Schluss, den ich nicht nachvollziehen kann. Nämlich dass Ihre Frau Ihnen und ihrer Familie die Zumutung des Sterbens ersparen wollte. Nur, wie hätte sie das tun sollen, wenn es offenbar nicht möglich war, ihr Sterben zu verhindern? Den Tod konnte sie mit dem Satz „Du weißt nicht, wie das ist.“ unmöglich gemeint haben. Niemand weiß im Vorhinein, wie es ist tot zu sein.

Deshalb denke ich, dass Ihre Frau ihre Leiden des Sterbens bis zum Tod meinte und dass das die eigentliche Zumutung war – vor allem für Ihre Frau. Nicht den Angehörigen sollte die Zumutung des Sterbens erspart werden, sondern nur den Sterbenden selbst. Die Angehörigen brauchen unter Umständen eine andere Art von Hilfe.

Ja, es waren vielleicht die Ängste und Tabus der, wie Sie sagen Überlebenden (das Wort Hinterbliebene trifft sicher besser zu), die Ihre Frau davon abhielten, Suizid zu begehen. Leider muss man dann aber auch konstatieren, dass es dann auch die Ängste und Tabus der Hinterbliebenen waren, die eine tatsächliche (und unterstützende) Selbstbestimmung Ihrer Frau verhindert haben. Es täte mir sehr leid, wenn es so gewesen sein sollte.

Abschließend möchte ich betonen, dass in einer Debatte, in der es sprichwörtlich um Leben und Tod geht, Respekt, Augenhöhe und Sachlichkeit im Umgang miteinander die ersten Tugenden sein müssen. Damit alle, also jene die leben wollen, jene die sterben wollen und jene, die darüber debattieren, ihre Würde bewahren.

Vielen Dank

Olaf Sander, 30. November 2020

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