“Der Sterbewille ist zumeist nicht existent”

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Die schwer erkrankte Valentine Godé-Darel, ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914, Quelle: Wikipedia (Gemeinfrei)

Nachdem die Partei der Humanisten das Interview mit mir auf Facebook veröffentlicht hatte, meldete sich ein, nach eigener Aussage, angehender Arzt und nannte ein paar Argumente, die gegen die Sterbehilfe sprachen. Ich habe ihm dann geantwortet, aber leider hat er daraufhin seinen Beitrag kommentarlos gelöscht. Weshalb? Das weiß ich nicht. Vielleicht hatte er einfach nur keine Zeit mir etwas zu erwidern.

Ich finde ein solches Verhalten sehr schade, weil ja eines meiner erklärten Ziele ist, mit Sterbehilfegegnern ins Gespräch zu kommen. Aber das macht nichts, denn was der junge Mann dennoch “hinterlassen” hat, sind seine Argumente. Die habe ich genau so, also im Wortlaut, schon mehrfach in Diskussionen mit Gegnern der Sterbehilfe gehört. Und über die will ich jetzt ein bisschen nachdenken.

“Meine Aufgabe ist es Leiden zu lindern und Leben zu schützen. Es ist nicht meine Aufgabe, Leben zu beenden oder darüber zu richten was lebenswert ist und was nicht.”

Kaum einer von den Befürwortern der Sterbehilfe erwartet, dass Ärzte die gleiche Meinung haben müssen wie sie selbst oder will Ihnen gar auferlegen, Sterbewilligen in den Tod zu helfen. Was erwartet wird ist, dass die Ärzte ihnen in ihren Notsituationen auf Augenhöhe begegnen und ihre Sorgen, Nöte, Ängste und Argumente ernst nehmen. Das kann und muss man von einem Arzt erwarten können.

Diese Aussage macht das nicht. Sie macht dem Sterbewilligen nur klar, dass ein Arzt, der so etwas sagt, ganz sicher der falsche Ansprechpartner ist und von ihm keine Hilfe zu erwarten ist. Die Aussage selbst ist legitim, weil der Arzt damit seine Grenzen setzt und zu nichts gezwungen sein darf, was er selbst nicht für richtig hält.

Andererseits ist es falsch zu sagen, dass Ärzte nicht entscheiden was ein Mensch als lebenswert erachtet und was nicht, wenn sie sich dem Wunsch und Willen der Sterbewilligen so grundsätzlich verweigern. Weil nämlich das bereits eine Entscheidung darüber ist, ob ein Mensch gegen seinen Willen weiter sein Leiden bis zu seinem bitteren Ende aushalten muss oder nicht. Das Schlimme ist, dass die Ärzte, die so etwas sagen, bzw. propagieren, diese Entscheidung über die Köpfe der Sterbewilligen hinweg treffen.

Was lebenswert ist und was nicht entscheidet der Sterbewillige ganz allein und Ärzte finden diese Informationen in der Patientenverfügung, falls sich der Sterbewillige nicht mehr selbst äußern kann.

Problematisch wird es für mich, wenn Ärzte Dinge versprechen, die sie nicht immer einhalten können, wie z.B. dass die Palliativmedizin gegenüber dem “einfachen und billigen Weg” (gemeint ist der Suizid) eine Alternative darstellt. Das mag in den meisten Fällen richtig sein, aber es wäre redlicher, wenn noch dazu gesagt würde, dass es gewisse Situationen geben kann, wo das nicht zutrifft. Dazu möchte ich auf die Aussagen der Palliativmediziner Prof. Ralf Jox und Prof. Gian Domenico Borasio von der Uni-Klink Lausanne verweisen, die in der Dokumentation “Frau S. will sterben” genau das bestätigen (Min. 11:28 – 12:48).

“Der Sterbewille ist zumeist nicht existent und wird als ein Notausstieg aus massiven Leidensdruck gewählt.”

Diese Aussage ist ein Schlag vor den Kopf von Sterbewilligen. Das Einzige, was hier richtig ist, ist der massive Leidensdruck. Dieser eine Satz negiert jede Willensäußerung von Sterbewilligen und macht sich nicht mal die Mühe, die Welt mit deren Augen zu sehen. Für mich ist das der tatsächliche “einfache und billige Weg”. Weil er nämlich nicht an dem Weltbild der Ärzte rüttelt und Sie nicht aus Ihrer Comfortzone zwingt.

Es ist vollkommen klar, dass sich ein Mensch, der keinen Leidensdruck hat, anders entscheiden würde als jemand mit Leidensdruck. Aber jemanden seinen Willen, seine genaue Analyse der eigenen Situation und die daraufhin eventuell folgende Konsequenz (“Ich möchte sterben”), abzusprechen, sogar zu sagen, dass dieser Wunsch nicht existent sei, halte ich für äußerst fragwürdig und inhuman. Ich sage nicht, dass das nicht vorkommt. Aber ich zweifle sehr an der Absolutheit dieser Aussage, von der ich weiß, dass sie weder auf meine Mutter, noch auf andere Sterbewillige, die ich jetzt im Laufe der Zeit kennengelernt habe, zutrifft.

Oft sagen die Mediziner dann auch noch, dass sich Menschen ihrer ärztlichen Hilfe wegen von ihrem Sterbewunsch verabschieden, was in der Sache gut und begrüßenswert ist. Wenn sie aber so tun – und das tun sie – , als würde das immer der Fall sein, schlagen sie schon wieder Menschen vor den Kopf, bei denen das nicht so ist. Z.B. weil diese Leute diese Hilfe gar nicht mehr wollen. Diese Menschen sind am Ende ihrer Leidensfähigkeit angekommen und leidensmüde. Was glauben Sterbehilfgegner eigentlich, was so jemand denkt und fühlt, wenn er so etwas, noch dazu als “Argument”, zu hören bekommt?

Dreht sich am Ende nicht alles um die Frage, wie weit wir als Gesellschaft den Willen des Einzelnen achten und respektieren? Was ist Selbstbestimmung und wie definieren wir sie? Wenn Menschen ein ganzes Leben lang autonom und eigenverantwortlich gehandelt haben, weshalb – und mit welchem Recht – soll ihnen das auf den letzten Metern ihres Lebens plötzlich untersagt sein?

Natürlich kann man jetzt erwidern, dass es den Sterbewilligen ja frei steht sich das Leben zu nehmen und sie nicht von Ärzten erwarten können, dass diese ihnen dabei helfen. Bis dahin geht das auch in Ordnung, auch wenn ich das persönlich als weniger human und viel mehr als feige empfinde. Aber wenn Ärzte so tun, als gälte das auch für alle anderen Ärzte und als würden auch alle anderen Ärzte die Dinge ähnlich sehen wie sie, dann ist das unredlich, weil es so eben nicht ist, wie die immer wiederkehrenden Prozesse gegen ärztliche Sterbehelfer belegen.

Es ist sogar doppelt anmaßend, weil diese Ärzte nicht nur für alle Ihre KollegInnen sprechen, die das anders sehen. Vor allem verhindern sie damit, dass Sterbewillige genau die professionelle Hilfe bekommen, die sie sich wünschen.

Und um die Ärzte in ihrem Wolkenkuckucksheim und das eigene Weltbild nicht zu gefährden, haben Politiker aus allen Fraktionen beschlossen, stattdessen Leuten wir mir, die von der Sache keine Ahnung haben und die nicht so wie die Ärzte auf der Uni ein schweres Studium absolvierten, die Sterbebegleitung einmalig straffrei zu erlauben.

Allerdings frage ich mich da immer, ob die Übertragung einer existenziellen Aufgabe an Unfähige im Interesse der Ärzteschaft liegen kann?

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Olaf Sander

2 Kommentare

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  • Kommentar von Ronald Schulz* auf Facebook:

    “Meine Aufgabe ist es Leiden zu lindern und Leben zu schützen. Es ist nicht meine Aufgabe, Leben zu beenden oder darüber zu richten was lebenswert ist und was nicht.”

    Das ist richtig. Ein Arzt wird nie über den Tod entscheiden müssen. Er ist lediglich ein Gutachter, der eine Prognose erstellt. Die Auswertung muss der Patient oder die Angehörigen vornehmen. Die Rolle des Arztes ist damit beendet. Die Sterbehilfe muss nicht zwingend durch Ärzte erfolgen. Die wenigen Ärzte, die dafür benötigt würden würden 95 Prozent der Ärzteschaft nicht mehr betreffen. Was auch immer der junge Arzt und seine eigenen Familien tatsächlich machen, muss niemand wissen . Es wird da auch ganz anders gehandelt als uns glauben gemacht werden soll. Am Ende bleibt es eine eigene Entscheidung, in die mir niemand reinreden sollte , egal was andere Menschen denken oder tun. Es geht nur um mich bei dieser Angelegenheit.

    […]

    Meine Meinung hört sich zwar etwas egoistisch an, aber ich bin es doch der das Leid ertragen muss im Zweifel. Und der hohe Auftrag, das Leben zu schützen kann nur politisch geregelt werden. Nur wenn die Mittel bereitgestellt werden, helfen die Ärzte. Niemand arbeitet kostenlos. Sonst würde die Hilfe nur sehr theoretisch und ideell und kaum praktisch erfolgen können.

    * Mit freundlicher Genehmigung. Danke Ronald!

  • Ein wunderbarer Artikel, die Inhalte diskutiere ich gerade mit dem Landgericht Kiel. Das hat einen Schadensersatzprozess auf dem Tisch, weil ein Arzt die rechtswirksam ausgeübten Selbstbestimmungsrechte des Patienten missachtet hat und dessen Willen gewaltsam brechen wollte.
    Da steht für das Landgericht Kiel sogar eindeutig fest und deswegen haftet der Arzt sogar für einen groben Behandlungsfehler.

    Dann sollte der materielle Schaden begutachtet werden.
    Und was macht das Gericht? Droht an, sich über die Selbstbestimmungsrechten
    des klagenden Patienten hinwegzusetzen, sollte er auch hier weiterhin seine Selbstbestimmungsrechte ausüben und eben nicht nach der Pfeife des Sachverständigen tanzen!!! Erneute Missachtung der Selbstbestimmungsrechte in einem Beschluss angedroht, also schriftlich.
    Natürlich Befangenheitsantrag gestellt.
    Vorwurf: Du machst dasselbe wie der Arzt und verletzt unstreitig und ganz eindeutig verfassungsmässige Rechte des Klägers.
    Das Ergebnis des Befangenheitsantrags: der Richter sei nicht befangen, es sei nicht willkürlich, obwohl er sich doch so eklatant von eindeutiger verfassungsrechtlicher Rechtsprechung entfernt und damit die Grenze zu Willkür, die wiederum zur Befangenheit führt, per definitionem überschritten ist. Wenn der Richter in einem Beschluss rechtswidrige Anordnungen erteile, hieße das nicht, dass er befangen ist ( theoretisch stimmt das, denn ein Richter der dumm ist, ist nicht automatisch befangen, sondern unter Umständen einfach nur dumm. Im vorliegenden Fall dann zu dumm, unser Grundgesetz zu kennen).