Fragwürdiger Weg zur Beschaffung von Medikamenten für einen Suizid

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Zwei Fragen zum Suizid meiner Mutter werden mir von am Thema Sterbehilfe interessierten Menschen fast immer gestellt:

  1. Was waren das für Substanzen/Medikamente?
  2. Woher, bzw. von wem wurden uns diese Substanzen/Medikamente beschafft?

Bevor ich zum eigentlichen Thema des Beitrages komme, hier die kurze Antwort für beide Fragen: Ich weiß es nicht. Dieses Wissen hat meine Mutter mit in die Urne genommen, weil sie mich und ihre Quellen unter allen Umständen schützen wollte. Dies ist einer der bezeichnenden Aspekte für die enormen Unzulänglichkeiten des § 217 StGB, welches Sterbewillige und ihre Helfer dazu zwingt im Verborgenen zu handeln.

Nun hat der SterbehilfeDeutschland e.V. (StHD) einen möglichen Weg geschaffen, wie Sterbewillige an Substanzen für einen Suizid gelangen könnten.

Gut zwei Jahre lang habe sich der StHD-Vorsitzende Roger Kusch an die  verordnete Untätigkeit aufgrund des neuen Strafrechtsparagraphen 217 gehalten. Man habe aber nicht länger darauf warten wollen, ob das Bundesverfassungsgericht diesen – vielleicht – wegen Verfassungswidrigkeit noch „kippt“.

 

Alle bisher bestehenden Angebote zur Suizidhilfe in Deutschland waren ab Dezember 2015 eingestellt worden. Für die schon vorsorglich gegründete Züricher StHD-Dependance habe man nunmehr ein besonderes Verfahren ausgeklügelt, welches sich den Absatz 2 des § 217 zunutze macht: Den straflos bleibenden Angehören soll eine tragende Rolle bei der Hilfe zum Suizid zukommen, den die Sterbewilligen dann wieder zu Hause in Deutschland begehen können – zu einem von ihnen gewählten Zeitpunkt. Nach einzuhaltenden Verfahrensregeln verschreiben nun in Zürich Ärzte, welche die Suizidorganisation zur Kooperation gewinnen konnte, für deutsche Suizidwilligen die gewünschten todbringenden Medikamenten.

 

Joros beschrieb das Procedere (siehe „Hintergrund“ unten mit den  Ausführungen von Roger Kusch) und verwies auf die Schweizer Statuten des Vereins (Link). Im Regelfall soll vom Einzelnen, der die Dienstleistung in Anspruch nimmt, ein Betrag in Höhe von ca. 9.000 Euro gezahlt werden. Joros erklärte auch, welche organisatorischen Kosten insgesamt von SterbehilfeDeutschland dafür aufzubringen seien. Er erklärte, dass es einer intensiven juristischen Prüfung bedurft hätte, um sicherzugehen, dass sich die Helfer_innen der Organisation und die Angehörigen der Patient_innen nicht strafbar machen. Der im Publikum anwesende Sterbehilfe-Arzt Christian Arnold stellte dies in Frage. Jaros bestätigte indirekt, dass das in der Schweiz gebräuchliche Suizidmittel Natrium-Pentobarbital nicht nach Deutschland eingeführt würde, dessen Zulassung ja hierzulande verwehrt bleibt. Bei den überlassenen Medikamenten, die über die Grenze von den Angehörigen mit nach Hause gebracht würden, handele es sich um eine Kombination, die bisher auch in Deutschland in der Suizidhilfe verwendet wurde. Es bleibt die Frage offen, ob diese nicht auch ohne den sehr aufwändigen und kostenintensiven Umweg von hilfswilligen deutschen Ärzten verschrieben werden können, die ihre Patient_innen gut genug kennen.

 

Quelle: patientenverfuegung.de

Mal ganz abgesehen davon, dass Kosten von 9000 Euro, plus mind. zwei Reisen in die Schweiz, für die allermeisten Sterbewilligen kaum aufzubringen sind – was bedeutet das für die Angehörigen?

Selbst wenn ich davon ausgehe, dass sich der Sterbewillige und der helfende Angehörige einig sind und der Angehörige die intellektuelle Reife und mentale Stärke besitzt, jemanden beim Suizid zu begleiten, so ist es dennoch nicht ungefährlich für den Angehörigen, diese zweite Reise zu machen. Weil Hinz und Kunz aus gutem Grund eben nicht mit irgendwelchen tödlich wirkenden Medikamenten den Grenzverkehr zwischen den Ländern beleben sollen.

Genau deshalb hat der Gesetzgeber Zollgesetze erlassen. Die, meiner laienhaften Interpretation nach, zollrechtliche Konsequenzen für den Angehörigen haben dürften, sollten er bei einer Kontrolle mit diesen Substanzen entdeckt werden. Dass die Medikamente dann eingezogen werden und unter Umständen eine dritte Reise mit erneutem Risiko gemacht werden muss, ist da noch gar nicht mit eingerechnet.

Persönlich finde ich die Strategie vom StHD e.V. nicht gut. Einerseits ist es ein exklusives Angebot, was man sich leisten können muss. Das macht es für mich per se ungerecht. Andererseits gibt dieses Angebot den Gegnern der Sterbehilfe zu viele Bestätigungen ihrer Vorurteile in die Hand. Nur allein mit diesem Angebot des StHD e.V., füllen die Sterbehilfegegner argumentativ ganze Veranstaltungen. Ich empfinde das im Kampf für die Selbstbestimmung am Lebensende als ziemlich kontraproduktiv.

 

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Olaf Sander

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