„Endlich hast du es geschafft“ – Gedanken nach Suizid durch Sturz vom Hochhaus

Von H. L.-L.

Zum Thema „Sterbehilfe“ kann ich aus eigenem schmerzvollen Erleben sehr gut mitreden. Am xx. Mai 20xx ist mein geliebter Ehemann R. vom Hochhaus gesprungen. Dies war der letzte grausame Akt einer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Diagnose „Chorea Huntington“ [1]. Dabei hatte R. vorher fünf Mal vergeblich versucht, sich das Leben zu nehmen, beim sechsten Mal kann man ruhig sagen „erfolgreich“. Denn es ist keine Schande, kein Geheimnis und auch kein Unglück insofern, als er wirklich endlich sterben wollte. Wir haben uns geliebt, waren uns gern körperlich nah, haben immer die Hand des anderen gesucht, ob zu Haus beim Fernsehen, im Auto oder Kino. Noch bis zuletzt war viel Zärtlichkeit zwischen uns. Diese Erinnerungen an unsere Liebe und die gute Zeit miteinander (wir lachten gemeinsam sehr viel) half und hilft mir sehr. Kennengelernt haben wir uns 1997 auf einer Studienreise. Ich hatte zwei geschiedene Ehen hinter mir – aus der drei wunderbare Söhne hervorgegangen sind, war enttäuscht worden (wenngleich es heute zum leiblichen Vater der beiden jüngsten wieder einen „normalen“ Kontakt gibt).

R. hinterließ mir in einem Brief die Worte:

„In den fast zehn Jahren, die wir gemeinsam viel erlebt haben, habe ich Dich nie so geliebt wie heute. Leider hast Du in mir einen schrecklichen Fehlgriff getan. Du hast mit den Männern kein Glück. Auch mit mir nicht. Lebwohl! Dein R..“

Ich weiß hingegen: Das stimmt gar nicht, wir hatten doch so viel Glück miteinander. Es ist die Krankheit gewesen, die aus ihm spricht, und die Angst davor, was sie aus ihm (und uns) noch gemacht hätte. Zuletzt hatte er selbst darum gebeten, in ein Pflegeheim überzusiedeln. Ich besuchte ihn fast jeden Tag. Zeitgleich war der Presse der „Skandal“ zu entnehmen, dass in einem stationären Hospiz in Norddeutschland schon mehr als ein halbes Jahr lang ein Chorea-Huntington-Patient – unter ständiger Sedierung – künstlich ernährt wurde. Unfassbar! Auf einem Foto in der Presse war abgebildet, wie Ehefrau und Sohn dagegen vor dem Hospiz mit einem selbstgemalten Pappschild protestierten. Ich musste zwangsläufig daran denken, dass im hohen vierstelligen Eurobereich die Abrechnungskosten für so einen Aufenthalt liegen – sicher war dies auch dem Hospiz als Finanzierungsquelle über einen längeren Zeitraum nicht unwillkommen.

Wir setzten bei einer kompetenten Beratungsstelle des Humanistischen Verbandes Deutschlands eine strikte Patientenverfügung mit absolutem Behandlungsverbot – insbesondere was eine PEG-Sonde zur künstlichen Ernährung betrifft – auf. Dies schaffte eine zeitweilige Beruhigung und psychische Entlastung.

Mein wunderbarer Mann R.

R. war ein wunderbarer Mann für mich, mit ganzem Herzen Lehrer, der von seinen Schülern und Kollegen sehr geschätzt wurde. Bis zu seinem Tod reißen Kontakte zu ihm nicht ab. Über sein Leben, er war Jahrgang 19xx, hatte R. einmal aufgeschrieben:

„Schöne Kindheit mit vielen Geschwistern“ und: „materielle Not“, „spielen mit anderen Kindern in Trümmerstücken“. Die Eltern lassen sich scheiden. „Von meiner Mutter hörte ich häufig, wenn ich etwas nicht zu ihrer Zufriedenheit machte, den Vorwurf: Du wirst noch wie dein Vater!“ Nach einer Lehre zum Motorenbauer holte er das Abitur nach und wird Lehrer an einer Hauptschule in D., dann an einer Gesamtschule in A.. Nach unserem Kennenlernen wurde aus Verliebtheit Liebe und der Wunsch, zusammenzubleiben. Wir heirateten 20xx.

Es melden sich erste Anzeichen seines Krankheitsverlaufes durch Unwohlsein und Niedergeschlagenheit. Ärzte diagnostizieren eine Depression, später kommt Blasenkrebs hinzu. Doch dagegen kann ihm geholfen werden, wenngleich eine traurige Gestimmtheit immer wieder auftritt. Vor allem die Antriebslosigkeit bleibt ein Problem. Es vergehen weiter Jahre, bis ein Arzt erkennt, dass es Chorea Huntington ist, früher auch „Veitstanz“ genannt, eine Erbkrankheit, die 0,005 Prozent der Menschen befällt – oft sind dann mehrere in der Familie betroffen, Sie endet irreversibel mit dem Tod, meist nach schwerer Demenz und Pflegebedürftigkeit im Heim. R. war hingegen bisher völlig ahnungslos gewesen, da ihm die Umstände des Todes seines ebenfalls an dieser Krankheit gestorbenen Vater verborgen geblieben waren.

Doch R. war auch eine Kämpfernatur und wir machten es uns noch sehr schön, hatten noch sehr gute Jahre. Wir schlossen uns der hiesigen Huntington- Selbsthilfegruppe an, deren Vorsitzende ich bis heute geblieben bin.

Diese Krankheit schreitet unaufhaltsam voran, eine Therapie gibt es dagegen nicht. R. Krankheit verläuft in Schüben, er ist verzweifelt, das Erleben seiner Mitpatienten ist wie ein Blick auf das, was ihm selbst einmal mit Sicherheit bevorstehen wird: Ihre unartikulierten Laute, ihr Zucken, ihre Panik, ihr unkontrolliertes Verschlingen von Nahrung mit der ständigen Gefahr sich zu verschlucken (bei dieser Krankheit neben Suizid eine häufige Todesursache). Unvergessen ist mir die Situation eines Aufenthaltes in einer Klinik, die auf Chorea-Huntington Patienten spezialisiert ist: Eine noch junge Frau, vielleicht Anfang Dreizig sehen wir ab und zu im Park in einem sogenannten „Huntington-Sessel“ – denn die Patienten können im fortgeschrittenen Stadium selbstverständlich nicht mehr auf einer Bank oder einem Stuhl sitzen, ohne sich ständig zu verletzen und sich und andere zu gefährden. Die ganze Zeit – nie sahen wir sie anders – „zappelte“ sie furchtbar, schlug soweit ihr noch möglich unentwegt mit Armen und Beinen wild um sich. Einige Male wird sie von einem Mann mit einem kleinen Mädchen besucht – ihrer Tochter.

Fünf verzweifelte Suizidversuche – gescheitert

Dies wird auch R. geprägt haben. Es vergeht weitere Zeit. Sein Wunsch vorher zu sterben und sein Wille zum Tod scheinen wie eine letzte Behauptung von Autonomie. Was dann in Abständen folgt sind fünf Suizidversuche. Sie können auch deshalb alle misslungen sein, weil eine gewisse Impulsivität bei dieser Krankheit an die Stelle von rationaler Vorausplanung tritt:

  • Er schneidet sich die Pulsadern auf, doch ich finde ihn. Mein Sohn, den ich anrufe (er ist Arzt), beschwört mich, mich nicht unglücklich zu machen und sofort den Notarzt zu rufen.
  • Eines Nachts löst R. Geschirrspülmittel in Wasser und will trinken, doch ich reiße ihm das Glas aus der Hand.
  • Er versucht es ein anderes Mal mit Medikamenten, aber es klappt nicht.
  • Er will sich mit einem Gürtel strangulieren, doch die Pflegerin geht rechtzeitig dazwischen.
  • Er will von einer Brüstung springen, ist aber schon zu schwach, um über die Balustrade zu kommen. Nachdem er es vergeblich versucht hat, das Hindernis zu übersteigen, ruft er mich per Handy an.

Beim letzten gescheiterten Versuch bot sich mir ein erbärmlicher Anblick: Völlig kraftlos in eine Ecke gekauert finde ich ihn dort, bringe ihn nach Hause. Ich war zumal ganz am Anfang nicht in der Lage, anders zu handeln als zu seiner Rettung beizutragen; erst mit der Zeit mehrten sich die Zweifel. Doch wir konnten uns nirgends hinwenden, fühlten uns beide von den Ärzten, der Gesellschaft, von allen im Stich gelassen. O-Ton seines Neurologen im Krankenhaus:

„Ihr Mann kann sich so oft das Leben nehmen wie er will, aber ohne meine Hilfe.“

Dabei stimmt selbst das so nicht: Man wollte R. ja gar nicht entlassen, solange er „noch“ suizidgefährdet war. Sie alle sind unbarmherzig, halten sich aber für (fast heilige) ‚Lebensschützer‘, da sie, solange sich der Sterbewillige unter ihrer Aufsicht befindet, alles tun, um in „zu retten“. Sie würden, insbesondere in der Psychiatrie, Lebensrettungsmaßnahmen niemals unterlassen und einen Suizidenten sterben lassen.

Ich stehe dazu, dass mein erster Gedanke war, als der Polizist mir die Todesnachricht am xx. Mai überbrachte: „Endlich hast du es geschafft:“ Zwar kam auch eine Art Schamgefühl auf, denn es ist uns ja eingeimpft, so nicht empfinden zu dürfen. Im Nachhinein kann ich aber sagen: Es hat mir bei meiner Trauer geholfen, auch öffentlich schlicht zu bekunden: Aber es ist doch wahr! Ich hoffe dabei nur inständig, dass niemand Zeuge des tödliche Sturzes gewesen ist, der wohl möglich dadurch einen Schock oder Trauma erlitten hat. Ich selbst habe Rs. Leichnam natürlich nicht mehr gesehen. Aber es muss ein entsetzlicher Aufprall gewesen sein: Ich erhielt nach einer Weile Rs. zerbeulten Ehering, den ich beim Juwelier komplett richten lassen musste, um ihn selbst anstecken zu können.

Menschen sind für uns, Mächtige gegen uns

Ich bin ein lebensbejahender Mensch, jetzt wieder sehr aktiv, vielseitig interessiert und in einem Krankenhausbesuchsdienst tätig. Ich erfreue mich an meinen Enkelkindern und habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Söhnen und deren Familien. Ich möchte mich jedoch auch weiterhin dafür engagieren, dass über die Themen „Suizid, Tabu und Suizidhilfe“ viel mehr gesprochen wird.

Deshalb habe ich es – neben dem Thema Patientenverfügung – auch in unsere Selbsthilfegruppe eingebracht. Wir haben dazu u.a. den Neurologen Dr. Spittler eingeladen gehabt. Das dürfe ein Novum sein, da Selbsthilfegruppen zu Krankheitsbildern eigentlich immer daran orientiert sind, wie man gut mit der Krankheit weiterleben kann, wo es die beste Unterstützung für Patienten und Angehörige gibt. Da scheint das Thema Umgang mit Suizidbegehren ein Tabu wie das Sterben überhaupt. Beides schließt sich aber doch keineswegs aus, das müssen und können wir gemeinsam lernen. Ich war angenehm überrascht, wie in unserer Selbsthilfegruppe darüber miteinander gesprochen werden konnte. Ich fühle mich zu einer anscheinend kleinen tapferen Minderheit zugehörig – David gegen Goliath. Aber wir haben die Mehrheit der “normalen” Menschen auf unserer Seite!

Allerdings haben wir mit den Kirchen (sowie der Politik und den Ärztekammern) auch sehr starke Gegner. Die Kirchen, auch die evangelische in ihren zahlreichen offiziellen Stellungnahmen) wollen uns Schuld einreden – allenfalls im schwersten Gewissenskonflikt wäre eine Suizidhilfe entschuldbar. Aber es bedarf keiner Schuldgefühle, im Gegenteil, es bedarf des Bekenntnisses, zu einem Suizid und seiner Begleitung ohne wenn und aber stehen zu können.

Leider verweigern sich auch – und teils in besonders hartem Maße – die offiziellen Hospizfunktionäre (ganz im Unterschied zu den ehrenamtlichen Hospiz-Helfer/innen) dieser Thematik. Gesundheits-, Medizin-, Pflege- und auch Sterbebegleitungssystem verschließen sich und sind entweder nicht in der Lage oder nicht willens, auch nur mit kleinsten Schritten solchen Nöten von kranken Menschen zu begegnen. Solange das so ist, muss über spezielle Hilfsangebote, Organisationen oder auch Suizidkonflikt-Beratungsstellen nachgedacht werden, an die man sich in elender Situation wenden kann, ohne dass man dort „zum Leben hin“ orientiert werden soll.

Rs. Tod ist jetzt ein gutes Jahr her. Manchmal frage ich mich, ob er wohl noch etwas länger am Leben hätte bleiben können, wenn ihm jemand zugesichert hätte, zu einem von ihm zu bestimmenden Zeitpunkt begleitete Suizidhilfe zu erhalten. Sicher trifft das bei sehr vielen kranken Menschen zu, bei Chorea Huntington aber wohl nicht, weil der Verlauf auch mit schleichendem Verlust der Handlungskontrolle und Planungsfähigkeit einhergeht.

Ich konnte die Trauer um R. gut „bewältigen“, wie es so schön heißt. Gerade in den letzten Wochen ertappe ich mich aber dabei, wie ich vor allem seine zärtliche Nähe zu mir wieder sehr vermisse.


Diese Sterbegeschichte wurde bereits vor einigen Jahren aufgeschrieben. Jetzt hat sie einen Platz, an dem sie gelesen werden kann. Vielen Dank Frau L.-L.. [OS]

[1] Wikipedia: Chorea Huntington

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