Introduktion

I

Liebe Leserinnen und Leser,

seit dem Suizid meiner Mutter bin ich mit vielen, ganz unterschiedlichen Leuten über das Thema Sterben und Sterbehilfe ins Gespräch gekommen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, mit denen ich sprach, sind mit der aktuellen Rechtslage gar nicht zufrieden und hätten dieses Thema gerne geklärt. Deren Meinung steht komplett in Opposition zu jener, welche die Politik als beste aller Lösungen zu verkaufen versucht. Eine IfD-Umfrage im Auftrag der DAK aus dem Jahr 2016, in der 77 Prozent der Deutschen die aktive und passive Sterbehilfe auf Wunsch des Patienten befürworten, untermauert meinen Eindruck.

Auf Podiumsdiskussionen in Marburg und in der Urania Berlin (Aufzeichnung der Vernstaltung) hatte ich auch die Gelegenheiten mit dem Publikum zu sprechen, was sehr interessant war und wo ich überwiegend positives Feedback für meine Mutter und mich bekam.

Aber nicht nur das. Einige Menschen erzählten mir im Anschluss beider Veranstaltungen auch Geschichten über das qualvolle Sterben naher Angehöriger, über größte, mit Ignoranz gepaarte Anmaßungen von Ärzten und stilles, verstecktes Helfen beim Sterben – auch von Ärzten. Bei jedem Einzelnen meiner Gesprächspartner hatte ich das Gefühl, dass diese Geschichten unbedingt raus mussten, dass sie erzählt werden mussten.

Eine ältere Dame berichtete mir mit Tränen in den Augen vom Tod ihrer Mutter und ihrem Flehen, endlich erlöst zu werden. Sie erzählte von dem bewussten Ignorieren dieses Wunsches durch jeden, der in der Lage gewesen wäre zu helfen. Diese Frau konnte gar nicht so schnell sprechen, wie ihr die Gedanken durch den Kopf gingen. Das Sterben ihrer Mutter muss schon einige Jahre zurück liegen, aber noch immer verfolgen sie diese Erlebnisse.

Eine andere Frau, eine ehemalige Krankenschwester, erzählte, dass ein Patient nur noch durch Maschinen am Leben erhalten wurde und es keinerlei Aussicht darauf gab, dass er jemals wieder aufwachen würde. Als es darum ging, wann die Maschinen abgestellt werden sollten, intervenierte ein höher stehender Arzt mit dem “Argument”, er, also der Patient, müsse noch mindestens zehn Tage angeschlossen bleiben, weil sich die Apparate erst dann amortisierten.

Was ich mit diesem Blog gerne aufzeigen möchte, ist die enorme Diskrepanz zwischen dem, was die Politik offiziell erzählt und was die Gegner der Sterbehilfe wegignorieren, und dem, was Sterbewillige und ihre Angehörigen als Realität erfahren. Das sind nämlich zwei vollkommen unterschiedliche Welten.

Vielleicht geht oder ging es Ihnen ja genauso? Vielleicht haben auch Sie Erfahrungen mit dem Sterben eines Angehörigen, nahen Freundes oder Kollegen gemacht, die Sie nicht in Ruhe lassen, die Ihnen den inneren Frieden rauben und Sie belasten?

Mir hilft es über meine Sterbegeschichte zu reden. Für mich war dieses Erlebnis vor allem mit den Gefühlen des Alleingelassenseins, des Ausgeliefertseins und einer totalen Überforderung verbunden. Am Ende ist meine Mutter zum Glück “schön” gestorben und ich bin von ihrem Sterben unbelastet. Aber ich weiß auch, dass meine Erfahrungen ein Klacks gegenüber Sterbeerlebnissen sind, die andere Menschen mit ansehen und aushalten mussten.

Schlimm für diese im Leben zurückgebliebenen Menschen ist, dass sie ihren Kummer kaum, oder nur wenigen Vertrauten gegenüber loswerden können. Die meisten Zuhörer sind zwar oberflächlich interessiert, schaut man aber genauer hin, geht es ihnen nur um ein kleines Gruseln und die Hoffnung, dass ihnen selbst so etwas erspart bleiben möge. Und die Politik? Die hört Ihnen und mir nicht zu. Die hat ihre Agenda. Und einen Elfenbeinturm.

Deshalb lade ich Sie ein, mit Ihrer Sterbegeschichte dazu beizutragen, den Sonntagsreden und Tabuisierungen die Realität – Ihre Realität – entgegen zu setzen. Weil es wichtig ist, dass diese Sterbegeschichten erzählt werden. Damit sie öffentlich werden. Damit sie sich nicht wiederholen. Damit wir endlich anfangen uns mit dem Sterben, und somit auch mit unserem eigenen Ende, zu beschäftigen.

Damit wir unsere Sterbekultur ändern.

Last but not least, würde ich mich auch auf Hoffnung machende Sterbegeschichten freuen. Geschichten über selbstbestimmtes Sterben, in dem der Sterbende seine Würde wahren konnte. Ein Mann erzählte mir über das Sterben seiner Schwester, ihrer guten palliativen Begleitung durch den Hausarzt, mit dem Hund auf dem Sterbebett und der Tochter an ihrer Seite. Auch das gibt es und gerade diese guten Geschichten bewirken Veränderung.

Erzählen Sie es bitte mir und den Lesern dieses Blogs. Erzählen Sie es, auch wenn es weh tut – eigentlich vor allem dann. Und wer weiß, vielleicht wird der Rucksack, den Sie die ganze Zeit mit sich herumschleppen, dann ein kleinwenig leichter.

Wenn Sie schreiben, schreiben Sie bitte explizit dazu, ob ich Ihre Sterbegeschichte hier auf diesem Blog veröffentlichen darf oder nicht. Bitte bedenken Sie beim Schreiben, dass Namen, Orte, Zeiten und bestimmte Verläufe unter Umständen Rückschlüsse auf Sie, die oder den Sterbewilligen und andere Beteiligte zulassen könnten. Deshalb werde ich konsequent Namen und Orte der involvierten Personen anonymisieren, sollten Sie das nicht schon selbst beim Schreiben getan haben. Schreiben Sie also “Dr. Krause aus dem Klinikum in Magdeburg hat ….”, werde ich “Dr. A. aus dem Klinikum in E. hat …” daraus machen.
Die Gründe dafür sind, dass dieser Blog weder Pranger sein darf, noch dass sich irgend jemand verleumdet fühlt.
Genauso konsequent werde ich detailierte Beschreibungen über Substanzen und deren genaue Menge, Einnahme und Reihenfolge oder über Suizidtechniken ganz allgemein, aus Ihren Texten herausnehmen. Der § 217 StGB zwingt mich dazu. Man könnte mir, da ich ja schon meinen einmaligen Freifahrtschein benutzt habe, Geschäftsmäßigkeit unterstellen und mir vorwerfen, Informationen zu verbreiten, die geeignet sind, andere Menschen zu einem Suizid zu befähigen.

Hier können Sie mich kontaktieren.

Vielen Dank und

seien Sie mir gegrüßt!

Olaf Sander

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