Das Sterben meiner Eltern

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Von H. K.

Nicht der Tod ist schlimm, das Leiden ist schlimm – Das Sterben meiner Eltern

Das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien die Nummer meiner Eltern. Zögernd hob ich ab, denn ich hatte für einige Zeit aus verschiedenen Gründen den Kontakt zu meinen Eltern reduziert. Meine Mutter sagte kurz und knapp: „Papa ist im Krankenhaus. Es sieht nicht gut aus. Wenn du kommen willst,…“ . „OK,“ sagte ich, „ich komme“. Mein Vater lag auf der Intensivstation. Über Jahre hatten sich viele körperliche Baustellen entwickelt. Nach einer Tumorerkrankung vor Jahren hatte nur noch eine Niere; jetzt verweigerte die zweite ihren Dienst. Hinzu kamen ein Karzinom an der Speiseröhre, Leberzirrhose und Herzrhythmusstörungen. Aufgrund anhaltender Durchfälle wurde eine Darmspiegelung durchgeführt, bei der sich noch ein Tumor an der Darmwand gefunden hatte. Leider war dabei die angegriffene Darmwand perforiert worden und es bestand die Gefahr einer Sepsis. Drei Tage waren wir täglich an seinem Bett. Drei Tage lang Hilflosigkeit und immer wieder Gespräche mit den Ärzten, die uns vorsichtig zu verstehen gaben, dass wenig Hoffnung bestand und das es besser wäre, alle weiteren Maßnahmen zu beenden. Das Ganze sei inzwischen nur noch eine Qual für ihn.

Mein Vater war lebenslang ein aktiver, sportlicher Mensch gewesen und hatte auf seine Gesundheit geachtet. In der Jugend spielte er Fußball, später hatte er mit dem Jogging angefangen und im Alter von Ende 30/Anfang 40 auch an Marathonläufen teilgenommen. Mit dem Älterwerden wurde ihm der Dauerlauf zu hart und stieg auf Wandern und Radfahren um. Beruflich war er in der gesetzlichen Krankenversicherung tätig. Im Laufe der Jahre hatte er viele Arzt- und Krankenhausberichte von Schwerstkranken auf dem Schreibtisch gehabt, um über die Gewährung von Leistungen entscheiden zu können. So kannte viele Leidensgeschichten von Patienten und Angehörigen. Daher war für ihn klar, dass er im Falle eines Falles das nicht erleben wollte und entsprechend war seine Patientenverfügung gefasst.

Meine Mutter, meine Schwester, die Schwester meiner Mutter, ihr Mann und ich waren dabei, als der Arzt meinem Vater eine Narkosespritze gab, die Geräte abstellte und damit dem natürlichen Prozess seinen Lauf lies. Einzig die Beatmung blieb. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, doie ich wie hinter Glas erlebte. Man konnte an den Apparaturen sehen, wie der Puls und der Kreislauf schwächer wurden. Der Arzt hatte zwar geraten nicht dorthin zu schauen, aber man tut es ja doch. Ich habe meiner Mutter die Hand gehalten. Als meine Schwester den Raum verließ, weil sie es nicht mehr aushielt, folgte ich ihr um sie zu unterstützen. Während wir draußen waren und uns in den Arm nahmen, verstarb Vater. Es war Ostersamstagnachmittag, der 30. März 2013. In einem Verabschiedungszimmer konnten wir noch bei ihm bleiben, so lange wir wollten.

Damit wir nicht zu Hause nicht alleine waren, kamen mein Onkel und meine Tante noch mit. Ich weiß heute nicht mehr, wie, aber irgendwie funktionierte ich. Es war, als ob ich im Kino saß und einen Film schaute. Erlebte ich das wirklich? Unfassbar, dass ich noch in der Lage war zu einem Supermarkt zu fahren, um einzukaufen. Und es war dabei ebenso unfassbar, dass die Leute an diesem Nachmittag in gewohnter Weise ihre Einkäufe für die Ostertage tätigten. Einfach so, als ob nichts wäre. Eigentlich müsste doch jetzt die Welt still stehen, dachte ich. Tat sie aber nicht.

Meine Eltern hätten wenige Monate später ihre Goldenen Hochzeit gefeiert. Meiner Mutter allerdings blieb danach nicht viel Zeit für Trauer und, um sich auf die neue Lebenssituation einzustellen.

25. Mai 2013, Samstagmittag. Auf meinem Anrufbeantworter höre ich meine Schwester: „Mama ist die Kellertreppe hinunter gefallen. Wir haben sofort den Krankenwagen gerufen. Verdacht auf Halswirbelfraktur. Sie ist auf dem Weg zur Uniklinik und wir (d. h. ihr Mann) fahren jetzt hinterher.“ Tausend Bilder jagen durch meinen Kopf! Ich rufe zurück, erreiche aber niemanden und Bitte um Rückruf. Der kommt nicht. Ungeduldig rufe ich immer wieder auf dem Handy meiner Schwester an. Endlich. Sie nimmt ab. „Was ist mit Mama?“. „Fraktur der Halswirbel C5/C6. Sie ist sofort operiert worden. Sie ist heute morgen zum Wäscheaufhängen in den Keller gegangen. Plötzlich war da ein dumpfes Plumpsen und ich dachte, sie habe den Wäschekorb fallen gelassen. Dann hörte ich ein Wimmern und bin sofort runter. Sie lag da an der Treppe“.

Nach Tagen war klar, dass sie eine inkomplette Querschnittslähmung hatte. Möglicherweise nicht endgültig, sagten die Ärzte, aber das könne man noch nicht absehen. Und wie in einem schlechte Déja vu wieder standen meine Schwester und ich schon wieder hilflos an einem Krankenhausbett.

Es folgten sechs Monate Aufenthalt in einer Spezialklinik, wo man sich redlich bemühte gegen die Folgen der Halswirbelfraktur anzuarbeiten. Sie konnte den linken Arm noch eingeschränkt bewegen dank der Physiotherapie, aber den rechten gar nicht mehr. Zwar hatte sie Gefühl im ganzen Körper, aber die Beine trugen sie nicht mehr.

Am 3. Oktober 2015 kam sie auf eigenen Wunsch nach Hause. Wir waren in der glücklichen und priviligierten Lage, eine Pflegekraft, die rund um die Uhr da war, zu organisieren. Im Haus musste nur die Dusche umgebaut und an der Außentreppe (vier Stufen) ein Lift installiert werden. Ansonsten konnte sie sich dank eines Elektrorollstuhls im Erdgeschoss bewegen. Trotz fortgesetzter Physiotherapie hat sich ihre Bewegungsfähigkeit nicht wieder eingestellt. Sie haderte oft mit der Situation und äußerte immer wieder den Wunsch sterben zu wollen. Und immer stehst du als Angehörige daneben und weißt nicht weiter. Meine Mutter war stets fleißig und engagiert gewesen, zuweilen ist sie auch im Eifer über das Ziel hinausgeschossen. Sie nun so hilflos zu sehen und ihrer Bewegungsmöglichkeiten beraubt, riss mein Herz auseinander.  Es gibt wenige Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben.

Es gab aber auch positive Erlebnisse: Kurz vor Weihnachten 2014 habe ich sie ins Auto verfrachtet, um zu Papas Grab zu fahren. Trotz einiger Tricks und Kniffe, die man mit der Zeit lernt, war es immer mit Kraftanstrengung verbunden, wenn sie aus dem Rollstuhl in das Auto und umgekehrt gehievt werden musste. Nach dem Besuch wollte ich sie wieder ins Auto setzten, jedoch schwanden mir dabei die Kräfte und fast wäre sie mir aus den Armen gerutscht und neben dem Fahrzeug zu Boden gefallen. Da kam ein junger Mann vorbei, der sofort die Situation begriff und mir beisprang. Meine Mutter sagte: „Sie sind ein Engel!“. „Es ist ja Weihnachten. Da kommt schon mal ein Engel vorbei.“, antwortete er lächelnd.

Die Begleitung durch Angehörige, Nachbarn und Freunde hat uns viel Kraft gegeben. Glücklicherweise waren meine Eltern immer gesellig gewesen, hatten gute Kontakte in der Nachbarschaft und zu früheren Arbeitskollegen gepflegt und sich über Jahre in einem Wander- und in einem Dorfverein engagiert. Dieses soziale Netzwerk sorgte dafür, das während der Krankenhausphase und danach häufig Besuch und damit Unterhaltung und Ablenkung für meine Mutter da waren. Das entlastete meine Schwester, die Pflegekraft und mich enorm.

Wir haben 2014 noch eine schönes Weihnachten verlebt. Im Januar 2015 wurde sie immer schlapper, war apathisch und redete teilweise wirr. Der Hausarzt war ratlos und auch im Krankenhaus, in das sie eingeliefert wurde, wusste keiner die Symptome zu deuten. Anfang März fing sie an schwer zu atmen und zu röcheln, der Hausarzt wies sie wieder in eine Klinik ein. Dort diagnostizierte man eine Lungenentzündung. Die Prognose war schlecht. Wenige Tage danach ist sie gestorben.

Der Tod ist mir durch diese Erlebnisse näher gerückt. Aber er erschreckt mich nicht mehr. Mich erschreckt das Leiden der Kranken und das, was Angehörige durchmachen: Die Sorgen, die stets Kräfte binden und, die man eigentlich zur Bewältigung des eigenen Lebens bräuchte. Hinzu können materielle Probleme bei der Finanzierung der Pflege treten und … und ….und …

Es klingt zwar ziemlich abgedroschen, aber ich lebe seit dem Tod meiner Eltern intensiver und bewußter. Ich frage mich nun viel häufiger, was wichtig und gut ist für mich. Ich suche mehr die positiven Kontakte zu Menschen und wehre mich viel früher und häufiger gegen Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren. Ich nehme die Dinge bewußter als früher selbst in die Hand, weil ich weiß, dass es schnell vorbei sein kann  – nicht nur mit dem Leben, sondern auch mit der eigenen Autonomie. Zwar hat sich im falle meiner Eltern die Frage nach der einem Suizid nicht gestellt, die Dinge haben sich anders entwickelt. Aber die Möglichkeit zu haben seinem Leben mit Hilfe eines Arztes auf humane und selbstbestimmte Art ein Ende zu setzten, wenn das Leid zu groß und unabänderlich ist, hätten meine Eltern – obwohl sie gläubige Katholiken war – befürwortet.

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